Lichterkette am 27. Januar in Pankow. Redebeiträge online
4. Februar 2026
Anlässlich des 81. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen fand am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, mit der alljährlichen Lichterkette auch wieder ein Gedenken mit rund 400 Teilnehmer:innen in Pankow statt. Aufrufer:innen waren die Kommission für Bürgerarbeit Pankow, die Kirchengemeinde Alt-Pankow und die VVN-BdA Berlin-Pankow e.V. In den nächsten Tagen folgen hier weitere Dokumente der Redebeiträge von Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch, Klaus Lederer, VVN-BdA und Mitglied im Abgeordnetenhaus von Berlin, Dr. Jana Sommerfeld, Schulleiterin der SchuleEins in Pankow, einem*r Vertreter*in der antisemitismuskritischen Studierendengruppe Tacheles der Freien Universität Berlin sowie der Jugendorganisation Hashomer Hatzair (siehe weiterlesen). Wir danken allen Teilnehmer:innen und Unterstützer:innen.
- Rund 400 Menschen versammelten sich am 27. Januar vor dem Jüdischen Waisenhaus in Pankow
- Auch die VVN-BdA war gut sichtbar
- Foto: ak
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- Viele Teilnehmer:innen brachten Kerzen mit. Foto: ak
- Insbesondere Schüler:innen trugen das Transparent mit dem Kundgebungsmotto. Foto: ak
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- Anschließend ging es auf die Straße … Foto: ak
- … zum früheren Gartenhaus der von den Nazis zwangs“arisierten“ jüdischen Familie Garbaty. Foto: ak
- Fahne von Hashomer Hatzair, einer linken jüdischen Jugendbewegung. Foto: ak
- Endpunkt war die große Kreuzung Berliner Straße / Ecke Breite Straße. Foto: ak
Wir treffen uns wie immer um 18 Uhr am Ehemaligen Jüdischen Waisenhaus Pankow, Berliner Str.120/121 (nahe S/U-Bahnhof Pankow). Siehe auch Mitteilung der Kommission Bürgerarbeit und „weiterlesen“. Weitere Infos folgen
Redebeitrag Klaus Lederer
27. Januar 2026
Liebe Antifaschist*innen,
unser „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“ (Theodor W. Adorno), das wäre das Entscheidende und Mindeste, was wir in Deutschland aus der Vergangenheit lernen müssten.
Was aber heißt „Nie wieder!“, wenn in Berlin heute Menschen auf der Straße angegriffen werden, weil sie hebräisch sprechen oder eine Kippa tragen, wenn Wohnungen von Jüdinnen*Juden feindmarkiert werden, wenn Molotow-Cocktails auf Synagogen geworfen werden wie in der Brunnenstraße, kurz nach dem 7. Oktober 2023 – jenem mörderischen Massaker, das auf Berliner Straßen von Jihadisten gefeiert und bejubelt wurde, und das auf schockierende Weise von nicht wenigen, die sich selbst für humanistisch oder links halten, wenn nicht gleich geleugnet, dann durch „Kontextualisierung“ verharmlost wurde?
Noch vor jeder militärischen Antwort auf das Blutbad begann der Hass auf Jüdinnen*Juden sich in einem Ausmaß Bahn zu brechen, das in dieser Drastik selbst pessimistische Menschen überrascht hat.
Die Bilder von antisemitischen Kundgebungen und Gewalttaten von Berlin bis New York schienen jenen Politikern der israelischen Rechten Recht zu geben, die erklärten, Israelis und Jüdinnen*Juden seien weltweit ohnehin nur von Feinden umgeben, und die so ihrerseits die völlige Missachtung völkerrechtlicher und humanitärer Maßstäbe zu rechtfertigen suchten.
Wie konnte es so weit kommen? Wie konnten wir zulassen, dass der Antisemitismus, der ebenfalls wieder unverhohlener sich äußernde Rassismus und Nationalchauvinismus, in solchem Ausmaß unsere Gesellschaft durchziehen?
Das Ressentiments und der Hass sind – so viel lässt sich wohl sicher sagen – nicht in den letzten Jahren völlig neu entstanden. Sie waren nie weg. Sie waren nur zum Teil (nie völlig) unter der Oberfläche, weniger offen zutage liegend – und sie sind abrufbar, holen uns in gesellschaftlichen Krisensituationen wieder mit voller Wucht ein.
So archaisch und von jeder Realität losgelöst antisemitische und rassistische Vorurteile auch sind, deutet vieles darauf hin, dass offenbar gerade „in zunehmender rationalisierter, technischer Zivilisation“ die Tendenz immer virulenter wird, „solche Irrealitäten […] festzuhalten, sich an sie zu klammern“ (Adorno).
In unserer heutigen Welt, die unfassbar komplex und nicht einfach zu begreifen ist, die von so vielen wechselseitigen Abhängigkeiten, wirtschaftlichen „Sachzwängen“ und vermeintlich „alternativlosen“ Entscheidungen bestimmt wird, scheint die Sehnsucht nach einfachen Erklärungsmustern, starken Führern und eindeutigen Zuschreibungen zu wachsen. All die Übel in der Welt müssen doch zusammenhängen, für all das muss es doch eindeutig Verantwortliche, Schuldige, geben, Gut und Böse muss doch klar verteilt sein.
Auch diejenigen, die sich eine bessere, gerechtere Welt wünschen, sind vor solchen Versuchungen des Denkens nicht gefeit, und auch sie sind Teil einer Gesellschaft, in der alte Ressentiments – als kulturelle Codes – im kollektiven Unbewussten tief verankert sind und leicht getriggert und reaktiviert werden können.
Gerade Antisemitismus bietet sich als umfassende Welterklärung an. Er liefert einfache Antworten von geheimen Mächten, die vermeintlich die Strippen ziehen. Man muss gar nicht von Juden sprechen, man nennt es „zionistische Lobby“, „zionistisches Gebilde“ oder so ähnlich, und kann darauf vertrauen, dass alle schon wissen, was gemeint ist.
„Der Antizionismus, die intellektuell respektable Version des Antisemitismus“ (Eva Illouz) und der „ehrbare Antisemitismus“ (Jean Améry) sortiert die komplexe Welt schön übersichtlich.
Neu ist das nicht.
Denken wir an Martin Walsers Paulskirchenrede 1998, er schwadronierte von der „Auschwitz-Moralkeule“, oder Günter Grass´ unsägliches Gedicht „Was gesagt werden muss“ von 2012. Neu ist auch nicht, dass in ähnlich schockierend schlichter Zuschreibung von Gut und Böse eine Judith Butler den antisemitischen Hamas-Terror für progressiven Widerstand hält. Vor kollektiven Zuschreibungen an Jüd*innen, dämonisierenden Projektionen und vor Verschwörungsdenken sind Linke nicht per se gefeit, wie sich leider heute wieder zeigt.
Neu ist vielleicht, dass die vielen sich gegenseitig noch verstärkenden Krisenphänomene in unserer Welt immer mehr und mehr Leute empfänglich und anfällig für simpelste Welterklärungen machen. So florieren der Antisemitismus und, wie Adorno schon vor 60 Jahren schrieb, „der Nationalismus. Mit neuer Virulenz steckt der die gesamte Welt an, in einer Phase, in der er zugleich durch den Stand der technischen Produktivkräfte, der potentiellen Bestimmung der Erde als eines Planeten, […] gänzlich zu der Ideologie geworden ist, der er freilich immer auch schon war“ (Adorno).
Was hilft? Im Alltag zunächst: Widerspruch. Wir dürfen in Sachen Aufklärung nichts unversucht lassen. Es gilt, beharrlich an die mörderischen Konsequenzen der Markierung von Sündenböcken zu erinnern. Manchmal lassen sich Weltbilder noch irritieren, sind noch nicht so verhärtet, dass sie jeden Widerspruch nur als Bestätigung der eigenen Unfehlbarkeit interpretieren. Wir müssen Komplexitäten und Widersprüche als Teil der Weltlage verstehen. Und die universellen Rechte aller Menschen verteidigen, wo immer sie angegriffen werden.
Nur wenn man sich immer wieder ins Bewusstsein ruft, dass vermeintlich welterklärende archaische Ressentiments nicht von selbst aussterben, sondern in unserer unübersichtlichen Welt immer verführerischer werden, nur wenn man das „erst sich selbst bewusst und dann auch anderen klar macht, kann man wirklich von Grund auf im Sinne dessen fortschreiten, was wohl nicht wahrer zu definieren ist als durch den kategorischen Imperativ bei Adorno: ‚So etwas soll nicht noch einmal sein.‘“
Die Rede von Klaus Lederer auf Instagram:
https://www.instagram.com/reel/DUGMp-UjN-h/?igsh=MXhyYWRwbHpxMGM3Mw==
Redebeitrag Hashomer Hatzair
Die Rede der Vertreterin der jüdischen Jugendorganisation Hashomer Hatzair auf Instagram:
https://www.instagram.com/reel/DUBd21KipOs/?igsh=ZDFncWIxNGFobnY=
Redebeitrag Tacheles
Die Rede des Vertreters der antisemitismuskritischen FU-Studierendengruppe Tacheles:
https://www.instagram.com/p/DUJE_VkCLPW/?igsh=bWkzajVlZ3dneWF0
Redebeitrag der Schüler:innen der SchuleEins
Folgt
Redebeitrag Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch
Folgt
Mitteilung der mitveranstaltenden Kommission Bürgerarbeit
Für ein gewaltfreies Miteinander, gegen Antisemitismus und gegen Rassismus
Aufruf zur Teilnahme an der 27. Lichterkette mit anschließender Gedenkveranstaltung in der Alten Pfarrkirche Pankow anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz
Termin: 27. Januar 2026 um 18.00 Uhr
Treffpunkt: Ehemaliges jüdisches Waisenhaus Pankow, Berliner Str.120/121
(S / U-Bahnhof Pankow)
Hinweis: Bitte Kerzen mitbringen!
Der 27. Januar ist seit 1996 offizieller Gedenktag in der Bundesrepublik Deutschland.
Seit 1999 gestalten engagierte Bürgerinnen und Bürger unseres Stadtbezirks in Pankow eine Lichterkette, um an die Befreiung von Auschwitz durch die sowjetischen Soldaten zu erinnern.
Unverändert nehmen der Rassismus, der Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit in unserem Land zu. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Hauptsächlich wird diese Entwicklung durch verfestigte Vorurteile gefördert, zunehmenden Nationalismus, Geschichtsvergessenheit und Revisionismus, verstärkten Sozialabbau, Demokratieverluste und das Fehlverhalten politischer Parteien und Organisationen sowie mangelnde Zivilcourage.
Die Kommission für Bürgerarbeit gibt gemeinsam mit der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Pankow und dem VVN-BdA- Pankow am Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust dem notwendigen Erinnern einen Ort, einen Raum und eine Gestalt mit der nunmehr 27. Lichterkette.
Es wird aber nicht nur der ermordeten jüdischen Mitbürger*innen und der vielen anderen Opfer gedacht. Es muss auch verdeutlicht werden, dass die Herausforderungen offensichtlich wachsen. Wir wollen mit dieser Veranstaltung erneut einen Beitrag für das Zusammenleben der Menschen in gegenseitiger Akzeptanz leisten, gleich welcher Herkunft, Religion und Lebenseinstellung sie sind.
Nach der Auftaktveranstaltung, die von der Pankower Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch am ehemaligen Jüdischen Waisenhaus eröffnet wird, gehen die Teilnehmer:*innen mit Kerzen zur Pankower Kirche. Auf dem Wege dorthin wird es einen Halt mit Redebeiträgen vor dem ehemaligen von den Nazis zwangs“arisierten“ Gartenhaus der Familie Garbaty geben. Auf der Kreuzung Berliner -/Breite Straße wird der Verkehr für eine Gedenkminute unterbrochen. Zugesagt sind Redebeiträge von Klaus Lederer, VVN-BdA und Mitglied im Abgeordnetenhaus von Berlin, Dr. Jana Sommerfeld, Schulleiterin der SchuleEins in Pankow, einem*r Vertreter*in der antisemitismuskritischen Studierendengruppe Tacheles der Freien Universität Berlin. Außerdem ist die Jugendorganisation Hashomer Hatzair für einen Redebeitrag angefragt. Im Anschluss findet in der Alten Pfarrkirche eine Gedenkveranstaltung mit Pankower Chören statt.
Wir rufen alle Menschen dazu auf, sich vor dem Hintergrund der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit, des anwachsenden Antisemitismus und Nationalismus mit ihrer Teilnahme an der Gedenkveranstaltung gewaltfrei für ein solidarisches Miteinander in unserem Bezirk und darüber hinaus zu engagieren.
Die Veranstalter verstehen somit die 27. Lichterkette nicht nur als eine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern als ein Handeln für eine friedliche und menschenwürdige Zukunft aller Menschen in unserem Stadtbezirk.
Im Sinne des Gedenkens bitten wir, auf nationale Symbole und Parteifahnen zu verzichten.

















